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Champions League: Tuchels Traumvilla fehlt das Fundament

  • Thomas Tuchel muss in der Champions League auf Neymar und Cavani verzichten – vom Sturmtrio bleibt nur Kylian Mbappé.
  • Der Elf fehlt ohne ihre Offensivpower möglicherweise die defensive Stabilität – entsprechende Trasnfers blieben aus.
  • Tuchel muss nun auf andere Akteure hoffen – etwa auf Julian Draxler.

Dass es das goldene Tor war, hat nachher weder den Spieler noch seinen Trainer trösten können. Ein 1:0-Sieg gegen Girondins Bordeaux ist rein emotional zwar absolut okay, und rein rechnerisch wird dieser Sieg am Ende der Saison sicher auch seinen Wert haben. Der Sieg könnte etwa darüber entschieden haben, ob Paris Saint-Germain mit 19 oder doch nur mit 13 Punkten Vorsprung französischer Meister geworden sein wird. Aber davon abgesehen war dieses Tor vom Wochenende wirklich das Dümmste, was dem Trainer Thomas Tuchel und dem Torschützen Edinson Cavani passieren konnte.

42. Minute, Elfmeter für Paris, Cavani läuft an und tritt mit einer Wucht gegen den Ball, als müsste er eine Distanz von 111 Metern überwinden. Der Ball schlägt im Netz ein – und Cavani? Hält sich die Hüfte. Und verlässt dann verletzt den Rasen.

Es hat tatsächlich schon Elfmetermomente gegeben im Leben von Edinson Cavani, da musste er um seine Gesundheit fürchten, aber das hatte andere Gründe. Das war zu jenen aufgeheizten Zeiten, als er sich nie sicher sein konnte, ob beim Elfmeter nicht gleich Neymar kommen und ihm den Ball aus der Hand schlagen würde, sein Mitspieler Neymar wohlgemerkt. Aber Neymar war ja gar nicht dabei gegen Bordeaux, er fehlt zurzeit wegen einer Mittelfußverletzung. Die Bühne war also frei für Cavani, den durchaus großen Uruguayer, der immer etwas unter der Prominenz des noch größeren Brasilianers leidet.

Aber die Bühne hat Cavani dann doch auf etwas ungewöhnliche Art und Weise genutzt. Er ist jetzt auch verletzt. Er wird gemeinsam mit Neymar ausfallen, wenn Paris an diesem Dienstag mit dem Hinspiel bei Manchester United ins Achtelfinale der Champions League startet.

Wer im Fall der Fälle einen Elfmeter schießen wird? Natürlich wird sich Tuchel darüber Gedanken machen. Aber viel mehr würde ihn interessieren, wen er am Dienstag überhaupt aufstellen soll.

Welch kurioses Konstrukt diese Mannschaft immer noch ist, kann man gut an den Sach- und Fachfragen erkennen, die sich der Trainer jetzt stellen muss. Eine Frage lautet: Soll ich Julian Draxler ins defensive Mittelfeld stellen oder lieber auf rechts außen? Beides stellt keine artgerechte Haltung dar, aber was soll Tuchel machen? Er reist ja nicht mit PSG nach Manchester, sondern eher mit den Resten von PSG.

Wer an einen gerechten Fußballgott glaubt, der könnte dies nun für eine seriöse Maßnahme halten: dass der Fußballgott ausgerechnet jenen von Katar obszön alimentierten Klub, der mit den sittenwidrigen Käufen von Neymar (222 Millionen Euro Ablöse) und Kylian Mbappé (ca. 180 Millionen) den Transfermarkt für immer verdorben hat, nun mit Spielerschwund bestraft. Agnostiker sehen das nüchterner, sie dürften es so sehen wie Tuchel: Die Pariser brauchen gar keine höhere Instanz, die ihre Sünden ahndet, außer der Uefa, deren Financial-Fairplay-Regel größere Pariser Transaktionen auf dem Markt zurzeit verhindert. Aber eigentlich ist PSG selbst schuld: Sie machen das ja seit Jahren so, sie setzen immer noch aufs Heldenprinzip – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Tuchel ist eher der Osteopath unter den Trainern, er geht davon aus, dass in einer Elf alles mit allem zusammenhängt. Aber der Reiz, Weltstars trainieren zu dürfen, war so groß, dass er die gegensätzliche PSG-Idee im Sommer gern akzeptiert hat: Die Idee ist, dass alles mit Neymar, Mbappé und Cavani zusammenhängt. Tuchel hat vorn drei der besten Spieler der Welt, aber dahinter einen wilden Mix aus Topspielern (Verratti), Altstars (Thiago Silva, Dani Alves), alternden Stars (Angel Di Maria), ewigen Talenten (Julian Draxler) und echten Talenten (Thilo Kehrer). Und dann hat er noch einen Verteidiger, der immerhin besser ist, als Uli Hoeneß das findet. Nein, Juan Bernat spielt keinen “Scheißdreck”, aber Weltklasse ist er auch nicht.

Die PSG-Leute haben Tuchel eine Traumvilla hingestellt, aber die Villa steht auf keinem Fundament. Es ist dann schon ein bisschen blöd, wenn der Teil mit dem Traum auf einmal wegfällt. Andere Teams leiden auch, wenn ihre besten Jungs plötzlich fehlen. Aber Paris leidet mehr, weil der Apparat drumrum nicht sehr stabil ist. Wenn Neymar und Mbappé fehlen, fühlt sich das in diesem sehr dünnen Kader an, als würden fünf Leistungsträger ausfallen.

Seit Amtsbeginn hat Tuchel versucht, seine Elf so auszurichten, dass sie die Stärken von Neymar/Mbappé/Cavani betont, aber nicht von ihnen abhängig ist. Ob ihm das gelungen ist, wird sich nun zeigen, da zwei Drittel seiner Helden ausfallen. Das Genie-Ressort wird Mbappé nun alleine verantworten müssen, und Tuchel wird versuchen, ihm auf dem Platz eine Struktur hinzubauen, die ihn entlastet und doch glänzen lässt. Einfach wird das nicht ohne defensive Autorität im Team, Tuchel vermisst immer noch jene Spieler auf der Sechserposition, die er sich schon seit Sommer wünscht. Im Klub sehen sie den portugiesischen Sportdirektor Antero Henrique zunehmend kritisch, er kommt vom Verkäuferverein FC Porto und hat dem Käuferverein PSG in zwei Transferperioden keinen der gewünschten Sechser beschafft.

Frankreichs Liga ist zu leicht für PSG, als dass Tuchel sich am Ende mit einem Meistertitel herausreden könnte. Die Definitionsebene für die Bosse aus Katar ist die Champions League, Tuchel weiß das, aber seine Sorge gilt zurzeit weniger dem eigenen Job. Es ist ein anderer Gedanke, der ihn umtreibt: Ein Aus in der Champions League würde die Saison für PSG im Grunde schlagartig beenden, die Elf hätte bis zur neuen Saison keine echten Ziele mehr – das könnte seine Spieler auf dumme Gedanken bringen. Neymar oder Mbappé könnten sich mit der Idee anfreunden, zu einem Klub wie Real Madrid zu wechseln, der die Champions League gewinnen kann und sich gleichzeitig darüber freut, wenn er in seiner eigenen Liga Meister wird.

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Von Sven Haist